Jawoll, wieder eine Individualität weniger, die uns vom europäischen Einheitsbrei unterscheidet. Jetzt will man uns auch noch diesen Nervenkitzel an unseren ampelgeregelten Kreuzungen wegnehmen:
“A poor lonesome cowboy, …”
Man tingelt so dahin, das Fahrzeug davor fährt im Gleichklang und eiert seinen 50er runter, Ortsgebiet halt, brav is´er. In weiter Ferne dieses Geschöpf, das über unseren Köpfen und über unsere Mobilität herrscht. Im Moment in Grün gehalten, Gott sei Dank eine Ampel und kein Politikon. Richtig idyllisch, 50 km/h im Duett, der Mensch im Fahrzeug davor geniesst anscheinend die Landschaft. Doch siehe da, das herrschende Grüngeschöpf beginnt sein Karaoke-Spielchen:
Blink ..
Ooops, der vorfahrende Zeitgenosse dürfte seine Betriebsanleitung gefunden haben; er dürfte beim Buchstaben G, wie Gaspedal, angelangt sein.
Blink ..
Oh Wunder, das vor mir fahrende Fahrzeug beschleunigt, unglaublich, wird doch wohl kein Einsatzfahrzeug sein? Man denkt sich: Was tun? Den Feind ziehen lassen? Ignorieren? Ihr/Ihm die Lorbeeren des Kreuzungssieges überlassen? Das eigene Ego läuft Amok: Nie und nimmer! Feuer frei, keine Gefangenen!
Blink ..
Der rechte Fuss wird durchgestreckt, das Kennzeichen des Vorfahrzeuges erscheint wieder im lesbaren Bereich. “Des pack ma”! Man ist nun schon ein wenig dem legitimierten 50er entfleucht, die Exekutive würde meinereiner nun nicht mehr mit einem freundlichem Lächeln begrüssen. Das rollende Blech vor mir aber auch nicht, also was solls. Gedanklich schon im kreuzungstechnischen Zweikampf und eigentlich schon fast erfolgsentspannt, dann plötzlich:
Blink ..
Der Mensch vor mir erlebt gerade eine kognitive Soll ich- oder Soll ich nicht-Sinnkrise, kurzes Zögern und dann latscht dieser Mensch in die Eisen, daß seine Bremsleuchten vor Schreck beinahe den Geist aufgeben. Diese beiden roten Dinger an
seinem Heck werfen panikartig das Signal zum Rückzug an die Hintermänner. Die Front seines Fahrzeuges gräbt sich in den Boden und rollt fast den Asphalt auf, sein Lenkrad müsste jetzt eigentlich einer Chiquita recht ähnlich sein. Man spürt in solchen Momenten irgendwie die Urtriebe, die den menschlichen Körper nach wie vor steuern. Ein Alarmprogramm wird aktiviert, Adrenalin schiesst durch den Körper, der Blick wird klar. Man sieht jede Facette der Bremslamperl des Vorfahrzeuges, zum Ärgern bleibt keine Zeit, würgen würde grade auch nicht viel bringen. Reflexartig streckt man wieder das rechte Bein durch, diesmal ein Pedal weiter links, nun läuft alles in Zeitlupe ab:
Gurtstraffer arbeitet ordnungsgemäss, ABS arbeitet ordnungsgemäss, am Armaturenbrett blinken irgendwelche Lamperl, egal, hab andere Sorgen, Bremsassistent arbeitet ordnungsgemäss, trotzdem kommt die Karre vor mir – mittlerweile steht das Ding bereits – verdammt schnell näher. Man würde jetzt gern einen Schweissausbruch kriegen, leider bleibt dafür keine Zeit; gedanklich werden schon Versicherungsmensch und Autohändler angerufen. Das einzige, was fehlt, ist dieses gute alte Quietschgeräusch bei Vollbremsungen; also mir geht das schon irgendwie ab, egal. Irgendwie schafft es mein Stern dann doch, sich von der Kennzeichenhalterung des Vordermannes fernzuhalten, mehr wie ein Haribo Gummibärli hätte da aber sicher nicht mehr dazwischen gepasst.
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, ..
Man sitzt im Auto, wie wenn man grade Schimpfer von der Mama ´kriegt hätt, und man schaut einfach nur kreidebleich durch die Frontscheibe. Der Mensch im Fahrzeug davor hat die ganze Szene durch seinen Rückspiegel mitverfolgt und mittlerweile haben sich auch seine Pupillen vergrössert. Leicht schuldgefühlig hebt er seine recht Hand und winkt entschuldigend, papstähnlich nach hinten.
“Ja, ja, du mich auch!” denk ich mir und versuche meinen Puls wieder in den Griff zu bekommen.
Diesen Nervenkitzel wollen sie uns wirklich nehmen? Schade eigentlich!